
Interview
Stress-Situationen anders bewerten
Wie man seine Einstellung zu Stress ändert, erklärt Hans-Peter Greif in einem Gespräch mit next. Der erfahrene Coach leitet seit vielen Jahren Antistress-Seminare und hilft Stressopfern.Was würden Sie gerade jungen Menschen raten, welche Strategien gegen Stress sollten sie frühzeitig entwickeln?
Der wichtigste Schritt ist ein grundsätzlicher Perspektivenwechsel im Umgang mit Stress. Permanent und mit immer größerer Anstrengung gegen eine Belastung anzukämpfen, erschöpft ungemein. Meiner Erfahrung nach ist es wesentlich hilfreicher, gezielt in Richtung Entlastung aktiv zu werden.
Was heißt das?
Hier gilt der Grundsatz „Beachtung bringt Verstärkung“. Zum Beispiel Befangenheit, Unsicherheit oder Angst in sozialen Situationen. Erhält die Unsicherheit Beachtung, wird sie unweigerlich größer. Das kann jeder bestätigen, der geplagt von Lampenfieber ein Gedicht aufsagen, ein Referat halten oder in einer Prüfungssituation eine Frage beantworten musste. Habe ich aber in so einer Situation die Fähigkeit, meine Aufmerksamkeit von dem unerwünschten Erleben Lampenfieber abzuziehen und auf das erwünschte Erleben Selbstsicherheit auszurichten, verliert die Situation ihren Schrecken und ich kann souverän handeln.

Foto: Fotolia/Sandro Götze
Zugegeben, die Umsetzung im Alltag mag anfänglich nicht immer leicht sein, nach den ersten Erfolgserlebnissen mit der neuen Strategie baut sich aber sehr schnell Selbstvertrauen auf und die Motivation, diesen Weg weiter zu gehen, steigt. Die Angst zu versagen, weicht der Freude, sich zu bewähren. Der Perspektivenwechsel ist perfekt.
Können Sie das noch praktischer und fassbarer erklären?
Gerne. Nach gut zwei Jahrzehnten intensiver Beschäftigung mit dem Themenkreis Stress, Stressbewältigung, Selbstmanagement habe ich für mich zwei ultimative Paragraphen und eine Grundregel entwickelt. Zunächst die Grundregel: Wer länger als sechs Wochen unzufrieden ist mit einer Situation, mit sich selbst oder sich länger als sechs Wochen über einen Zustand ärgert, sollte erkennen: es besteht akuter Handlungsbedarf! Wer jetzt milde lächelt und dabei denkt, sechs Wochen - lächerlich, da gibt es Dinge, über die bin ich seit sechs Monaten unzufrieden, vielleicht sogar noch länger, so gibt es nur eine Konsequenz: Um so größer ist der Handlungsbedarf.
Und dann?
Jetzt greifen die Paragraphen. §1: Verändere mit all’ deiner Kraft und all’ deinen Möglichkeiten die Situation.
§2: Sollte es nicht in deiner Macht oder in deinen Möglichkeiten stehen, die Situation zu verändern, so verändere deine Sichtweise der Situation. Verändere deinen Umgang mit der Situation. Ein praktisches Beispiel hierfür bietet der Verkehrsstau auf einer Autobahn. Den Stau kann ich nicht beeinflussen und wenn ich mich noch so aufrege. Doch statt mich zu ärgern, kann ich sehr konstruktiv mit der Situation umgehen, indem ich die Sachlage zunächst als unveränderbar akzeptiere und dann in die Aktion gehe. Indem ich zum Beispiel eine Kurzentspannungsübung mache, ein Hörbuch oder tolle CD höre und sogar, je nach Dauer und Qualität des Staus ein Nickerchen mache.
Entscheidend ist das Prinzip: Raus aus der Opferrolle, raus aus der Passivität, rein in die Rolle des Regisseurs, rein in die Aktivität.
Klappt das auch bei Liebeskummer?
Und wie. Eine wunderbare Chance zur Kursänderung. Die Welt mag uns in solchen Lebenssituationen als grau, trübe und aussichtslos erscheinen. Hier hilft es, sich die Frage zu stellen, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich in einem Jahr genau so elend und verzweifelt fühle wie heute? Klare Antwort: Die Wahrscheinlichkeit liegt bei null. Damit schaffe ich Distanz zum Schmerz und sofort wird es leichter. Der Zugang zur Vielfalt und Fülle des Lebens ist wieder frei.




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