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Oktober 2010

Kontaktsperre

Allergiker müssen den Stoff meiden, gegen den ihr Körper rebelliert. Geht das auch, wenn dieser Stoff zum Job gehört? „In vielen Fällen ja“, sagt Dr. Anette Wahl-Wachendorf, Leiterin des Arbeitsmedizinischen Dienstes der BG BAU, im Gespräch mit next.




Dr. Anette
Wahl-Wachendorf
next: Frau Dr. Wahl-Wachendorf, jedes Jahr brechen mehrere tausend Jugendliche ihre Ausbildung ab, weil sie auf einen oder mehrere Arbeitsstoffe allergisch reagieren. Warum erwischt es so viele schon kurz nach dem Berufseinstieg?

Wahl-Wachendorf: Es ist leider so, dass durch die generell starke Zunahme von Allergien viele Jugendliche bei Berufsbeginn schon gesundheitlich vorbelastet sind. Wer beispielsweise mit Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis in den Beruf startet, für den ist das Risiko viel höher, während der Arbeit eine weitere Allergie zu bekommen, als für einen Nichtallergiker. Oder die bestehende verschlimmert sich. Oft wissen die Jugendlichen gar nichts von ihrer Anfälligkeit oder nehmen sie nicht ernst, weil die Symptome nie besonders stark ausgeprägt waren. Es kann dann sein, dass sie einen für sich ungünstigen Beruf wählen. Es gibt darüber hinaus natürlich auch Gründe, die mit der Arbeitssituation vor Ort zu tun haben.


Quelle: Fotolia/Yury Shirokov


Welche Berufsgruppen sind besonders gefährdet?
Vor allem Bäcker und Friseure, aber auch Beschäftigte im Gesundheitsdienst und in der Pflege, Reinigungskräfte, Zahntechniker, Maler, Metall- und Bauarbeiter – die Liste ist noch lange nicht zu Ende. Ein erhöhtes Risiko besteht in praktisch allen Berufen, in denenman vielmitWasser, Chemikalien, Lebensmitteln, Staub, Schmutz, Pflanzen oder Tieren in Berührung kommt.


Quelle: Fotolia/
Erika Szasz-Fabian

Wasser?
Ja, stundenlange Feuchtarbeit weicht nämlich die oberen Hautschichten auf und die Haut verliert ihre Schutzfunktion. Dann können Schadstoffe leichter eindringen und Krankheiten auslösen.

Was sind die häufigsten Beschwerden bei berufsbedingten Allergien?
Meist leiden die Betroffenen unter Asthma oder einem allergischen Kontaktekzem. Klassisches Beispiel für Asthma ist die Mehlstauballergie der Bäcker. Ein allergisches Kontaktekzem entsteht dort am Körper, wo die Haut mit dem unverträglichen Stoff in Berührung kommt. Das sind meistens die Hände. Die Haut ist gerötet, es bilden sich Papeln und Bläschen, die platzen und nässen können. Das juckt oft unerträglich. Bei weiteren Kontakten mit dem Allergieauslöser, dem sogenannten Allergen, kann es sich aber auch auf andere Körperstellen ausbreiten. Ein Beispiel für gefährliche Kontaktallergene sind Epoxidharze. Sie bereiten uns in der Baubranche zurzeit die größten Sorgen, weil sie oft und viel eingesetzt werden und schon bei geringem Hautkontakt sehr schnell massive Ekzeme verursachen können.


Quelle: Digitalstock/
Kzenon

Was soll ein Auszubildender tun, wenn er solche Anzeichen bei sich feststellt?
Wenn sie wiederholt auftreten, sollte er unbedingt zum Betriebs- oder Hausarzt gehen, damit die Symptome abgeklärt und behandelt werden. Gleichzeitig müssen Schutzmaßnahmen bei der Arbeit erfolgen. Es darf keinen Kontakt mehr zu dem allergieauslösenden Stoff geben. Auch die beste Therapie bringt keine Besserung,wenn die auslösenden Substanzenweiter einwirken.

Wie kann man denn einen Stoff meiden, der zur täglichen Arbeit gehört?
In den meisten Fällen wird der problematische Stoff über die Haut aufgenommen. Hier heißt es nun: immer die richtigen Schutzhandschuhe tragen. Oder das Handschuhmodell wechseln, wenn sie selbst Auslöser der Erkrankung sind. Manche Beschäftigte vertragen nämlich bestimmte Gummiinhaltsstoffe einzelner Handschuhe nicht. Genauso wichtig ist konsequenter Hautschutz. Schutz- und Pflegecremes halten die Haut gesund und damit widerstandsfähig. Das sind in vielen Fällen genau die Maßnahmen, die schon vorbeugend hätten getroffen werden müssen, am besten direkt ab Ausbildungsbeginn, um eine allergische Erkrankung zu verhindern. Übrigens: Handschuhe, die zuverlässig schützen, und abgestimmte Hautpflegeprodukte muss der Arbeitgeber kostenlos zur Verfügung stellen.

Und was tun Menschenmit allergischen Atemwegserkrankungen?
Hier ist die Sache etwas komplizierter. Unter Umständen hilft es schon,wenn bestimmteArbeitstechniken geändert werden. Das kann aber nur vor Ort in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Betriebsarzt und anderen Experten geklärt werden.


Quelle: digitalstock/
Claudia Dewald
Gibt es weitere Hilfen für die Betroffenen?
Ja, und zwar von Seiten des Unfallversicherungsträgers, also im gewerblichen Bereich der zuständigen Berufsgenossenschaft. Sie tritt spätestens dann in Aktion, wenn der Verdacht einer Berufskrankheit vorliegt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Hautarztverfahren. Danach ist jeder Arzt verpflichtet, Patienten mit einer möglicherweise beruflich bedingten Hauterkrankung, also auch einer Allergie, an einen Hautarzt zu überweisen. Dieser informiert wiederum den Unfallversicherungsträger, der dann nach einem mehrstufigen Plan dafür sorgt, dass dem Betroffenen mit einem stimmigen Konzept aus medizinischer Betreuung, persönlicher Beratung und betrieblicher Prävention geholfen wird. Ziel ist immer, den Arbeitsplatz und darüber hinaus die Berufsfähigkeit zu erhalten.


Quelle: Bilderbox.com

Wie sieht die konkrete Unterstützung des Erkrankten aus?
Die BG BAU zum Beispiel nimmt, wie andere Berufsgenossenschaften auch, Kontakt zu dem Mitarbeiter auf, um Näheres über seine Erkrankung zu erfahren und ihn über Schutzmöglichkeiten zu informieren. Sie sucht außerdem, vorausgesetzt der Mitarbeiter ist damit einverstanden, den Unternehmer auf, um vor Ort die Arbeitsplatzsituation zu analysieren und ihn zu beraten. Nach einer gewissen Zeit wird dann geschaut, ob die Maßnahmen umgesetzt sind und wirken. Einige Unfallversicherungsträger bieten außerdem für bestimmte Berufsgruppen, zum Beispiele Friseure und Menschen in Pflegeberufen, spezielle Seminare an. Hier lernt der Betroffene, seine Beschwerden am Arbeitsplatz in den Griff zu bekommen. Bei schweren, hartnäckigen Allergien ist auch ein mehrwöchiger Klinikaufenthalt möglich, bei dem der Patient neben der intensiven Heilbehandlung umfassend geschult und betreut wird, unter anderem auch psychologisch.

Bedeutet das, dass man heute durchaus mit einer berufsbedingten Allergie in seinem Beruf weiterarbeiten kann?
Letztlich ist das immer eine individuelle Entscheidung. Jede Allergie sollte zudem in ihrer Ausprägung bewertet werden. Ein Auszubildender, der schon nach wenigen Monaten eine schwere Allergie entwickelt hat, wird in diesem Beruf vermutlich nicht glücklich. Ähnliches gilt für Fälle, in denen die ärztliche Behandlungwenig Erfolg verspricht.Wer dagegen die Exposition vermeiden kann, zudem seine Beschwerden in den Griff bekommt, muss über einen Ausbildungsplatzwechsel oder eine Umschulung nicht nachdenken.

Wo gibt’s Hilfe?
Wer am Arbeitsplatz an einer Allergie leidet und Fragen zu Schutzmöglichkeiten und Hilfsangeboten hat, kann sich im Unternehmen an den Betriebsarzt oder die Fachkraft für Arbeitssicherheit wenden. Expertenrat, auf Wunsch vertraulich, bieten auch die zuständigen Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, von denen die meisten über Präventions-Hotlines direkt zu erreichen sind. Die Rufnummern sowie sonstige Kontaktdaten findet man auf der Homepage des zuständigen Unfallversicherungsträgers.



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