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Medikamentenmissbrauch

Gedopt durch den Tag?

Mal wieder zu wenig Schlaf gehabt und schlapp drauf? Oder total aufgeregt vor einer Prüfung? Wie wär’s mit einer Konzentrationshilfe? Kein Problem. Mit der passenden Pille aus der Hausapotheke hat man so was schnell im Griff. Medikamente können helfen, Krankheiten zu heilen und Schmerzen zu lindern. Keine Frage. In den letzten Jahren hat jedoch der Medikamentenmissbrauch erheblich zugenommen.



Das heißt, Medikamente werden nicht bei diagnostizierten Krankheiten oder offensichtlichen Krankheitssymptomen eingenommen, sondern um das Wohlbefinden zu verbessern, die Leistungsfähigkeit zu steigern und Probleme zu verdrängen. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) gibt es zirka 1,5 Millionen Medikamentenabhängige in Deutschland, zwei Drittel davon sind Frauen, ein Drittel Männer. Die Pillen-Schlucker-Karriere beginnt oft schon im Kindesalter. Wer in der Schule nicht mit- und mit dem Leben nicht klarkommt, dem werden die bunten Helferlein in Form von Tabletten, Kapseln, Pulvern, Tropfen und Zäpfchen verabreicht.

Die Arbeitsmedizinerin Dr. Elisabeth Arnold vom Verband Deutscher Betriebs- undWerksärzte (VDBW) sieht hier vor allem die Eltern in der Pflicht. „Wer seinem Kind bei jedem kleinen Zipperlein mit einer passenden Pille aus der Hausapotheke hilft, schafft eine negative Medikamentenkultur“, ist sie überzeugt. Was hält sie in diesem Zusammenhang von dem oft verschriebenen Medikament Ritalin? Arnold: „Ritalin ist für viele Kinder und Jugendliche mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ADHS ein sehr hilfreichesMedikament. Aber, und auf dieses Aber lege ich besonderen Wert: Die Diagnose ADHS mit der anschließenden Therapie gehört in die Hände eines Spezialisten und sollte nur von ausgewiesenen Fachärzten wie Kinderärzten, Kinderpsychiatern, Neurologen etc. gestellt und begleitetwerden. Schließlich ist Ritalin nicht irgendeine Vitamintablette, sondern ein Medikament, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Es handelt sich um eine sogenannte Psychostimulanz, die abhängig machen kann und zahlreiche Nebenwirkungen hat. Zum Beispiel Schlafstörungen, Nervosität, Appetitminderung, Ängstlichkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Schwindel.“ Gerade deshalb raten Experten zu jährlichen sogenannten „Auslassversuchen“. Das bedeutet, es soll versucht werden, das Medikament schrittweise abzusetzen. „ Natürlich nur nach eingehender Diagnostik und unter der Kontrolle des jeweiligen Facharztes. Es hat sich gezeigt, dass bei vielen ADHS-Patienten die Symptomatik zwar über das 18. Lebensjahr hinaus anhält, aber nach der Pubertät oft eine dauerhaft begleitende Psycho- oder Verhaltenstherapie reicht, um mit dieser Krankheit fertigzuwerden“, so die Arbeitsmedizinerin.

Weg von der Pille
Bild: Fotolia
Weg von der Pille: So können Sie helfen

Medikamentenabhängigkeit ist eine stille Sucht. Betroffene fallen nicht durch lautes Gegröle oder eine regelmäßige Alkoholfahne auf. Für Freunde, Eltern oder Kollegen ist es deshalb schwer zu erkennen, wenn jemand ohne den regelmäßigen Griff zur Tablette nicht mehr leben kann oder will. Wenn Sie den Verdacht haben, eine Person in Ihrem Umfeld kommt ohne Medikamente nicht mehr klar, fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus. Sprechen Sie das Thema Sucht nicht direkt an, denn viele Betroffene gestehen sich die eigene Abhängigkeit nicht ein. Fragen Sie lieber nach den konkreten Erkrankungen oder Beschwerden, die zur Einnahme der Medikamente geführt haben. Zum Beispiel, ob die Kopfschmerzen, die Allergie oder die Schlafprobleme Ihrer Freundin oder Ihres Kollegen schon besser geworden sind und was der oder die Betroffene dagegen unternimmt. Da Medikamentenabhängigemeist ihre Beschwerden als das eigentliche Problem betrachten,werden Sie auf diesem Weg später leichter den regelmäßigen Medikamentenkonsum und seine Nebenwirkungen thematisieren können. Natürlich sollen Sieweder einen Arzt noch einen Psychologen ersetzen, aber vielleicht können Sie ein offenes Ohr bieten und den Betroffenen für seine mögliche Suchterkrankung sensibilisieren. Vielleicht erleichtern Sie ihm damit den Gang zu einer Beratungsstelle. Wenn Sie selbst medikamentenabhängig sind, finden Sie unter folgenden Adressen weiterführende Informationen – auch zu Wirkungen und Nebenwirkungen einzelner Medikamente – sowie Hilfsangebote und Suchtberatungsstellen in Ihrer Nähe:

• Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS), www.dhs.de
• Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), www.bzga.de
• Suchtselbsthilfe-Netzwerk, www.suchtselbsthilfe-netzwerk.de


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