
Im Führerstand eines ICE
160 Stundenkilometer in der „Langsamfahrstrecke“
Die Tachoanzeige zeigt 160 km/h. Der Güterzug, der auf dem Nachbargleis entgegenkommt, scheint vorbeizufliegen, obwohl die schwere Diesellok mit den Container- und Tankwaggons sicher nur gemächlich dahinkriecht. Der ICE, den Thomas Keitel steuert, hat Fahrt aufgenommen. Aus München kam sein Zug. In Frankfurt hat der 43-Jährige übernommen. Über Hanau, Fulda und Kassel wird er ihn nach Berlin-Ostbahnhof fahren.Wie bei jedem Zug, der Thomas Keitel auf der Strecke begegnet, hat er auch bei dem Güterzug zum Gruß seine Hand nah an die Windschutzscheibe gehalten. Ob der andere Lokführer seinen Gruß erwidert? Wahrscheinlich. Sehen kann man es oft nicht, weil sich das Sonnenlicht in der Scheibe spiegelt. Es ist letztlich auch nicht so wichtig. Es ist die Geste, die zählt, denn ansonsten ist der Triebfahrzeugführer meistens für sich alleine.

Doch im Grunde ist für Langeweile keine Zeit. Thomas Keitel muss auf die Signale auf der Strecke achten und jeweils die Geschwindigkeit anpassen. Außerdem gebe es auf der Strecke „immer was zu sehen“, meint der Thüringer. Alle 30 Sekunden hebt er kurz den Fuß vom „SiFa-Pedal“ und tritt es anschließend wieder durch. Mit diesem System wird der Triebfahrzeugführer überwacht. Ist der Lokführer beispielsweise ohnmächtig geworden und kann daher die automatische SiFa-Anfrage nicht beantworten, bringt die „Sicherheitsfahrschaltung“ den Zug per Zwangsbremsung zum Stehen.
Per Funk wird Keitel eine Störung mitgeteilt: Weichendefekt im Bahnhof von Schlüchtern. Gedanklich stellt sich der Lokführer schon einmal darauf ein, demnächst die Fahrt abbremsen zu müssen. Als ICE 690 wenig später Schlüchtern passiert, kommt er ohne die Fahrt verlangsamen zu müssen durch … falscher Alarm. Offenbar konnte die Weichenstörung doch kurzfristig behoben werden. Doch es gibt eine andere Störung, die Thomas Keitel beschäftigt: Einer der viel Triebköpfe seines ICE ist bei der letzten kurzen Wartung offenbar aus Sicherheitsgründen abgeschaltet worden. Das bedeutet ein Viertel weniger Schubkraft. Dennoch ist Keitel zuversichtlich. So lange die anderen Motoren laufen, wird das die Fahrt nicht behindern.





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